Die Entwicklung des modernen Yoga, so wie wir die Körperübungen des Yoga heute im Allgemeinen kennen, begann Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts in Indien.
Bis dahin waren die Yogaübungen in Indien alles andere als der Bevölkerung zugängig. Sie wurden den Überlieferungen nach von einzelnen Asketen in Höhlen, Einsiedeleien oder Ashrams als Teil ihres spirituellen Studiums gepflegt.

In der Öffentlichkeit sah man Fakire, die ihre Fähigkeiten zur Schau trugen. Diese wurden aber als unseriös betrachtet und waren verpönt.
Für unsere Betrachtung ist es interessant, wie die Asketen dem Körper umgegangen sind. In ihren verschiedenen Disziplinen hatten zum Ziel die Körpergefühle abzutöten, sowie übernatürliche Fähigkeiten zu entwickeln, um den Körper und seine Organfunktionen zu beherrschen, wie beispielsweise das willkürliche Anhalten des Herzens u.v.m.
Die klassischen Yogaübungen hatten zu dieser Zeit in Indien also keinen guten Ruf und sie wurden um die Jahrhundertwende schon, aber sehr vereinzelt praktiziert. Doch die Zeit schien reif gewesen zu sein, Yogaübungen der breiten Bevölkerung zugängig zu machen. Das Interesse an Körperertüchtigung war nicht nur in Europa, sondern auch in Indien sehr populärer. Verschiedene Gymnastik-Richtungen für Männer, mehr im Sinne von militärischer Leibeserziehung, Bodybuilding und Kampfkünste, waren auf beiden Kontinenten verbreitet. Die Frauengymnastik mit rhythmischem Charakter und Tanz entwickelten sich etwas später hinzu.
Welche Rolle haben die klassischen Yogaübungen eingenommen und wie sind sie letzten Endes zum Volkssport geworden? Ein breiter Bereich der Forschung wird die Frage einnehmen, was tatsächlich aus der indischen Kultur überliefert wurde und welchen Anteil die westlichen Einflüsse der Gymnastik, bzw. der inzwischen auch in Indien populären militärischen Leibeserziehung der Engländer an dieser Neuerung hatten. Bodybuilding und Ringen „Wrestling“ waren auch in Indien sehr verbreitet und bilden den Studien nach ebenso einen Einflussbereich des modernen Yoga.
Die Geschichte zeigt, wie sich die Strömungen von Indien und Europa gegenseitig vermischten und befruchteten. Kein Wunder, denn das von den Engländern besetzte Indien (Die Kolonialzeit dauerte von 1756 bis1947) hatte einen regen kulturellen Austausch zwischen den Kontinenten gefördert.
In der Auseinandersetzung wird deutlich, dass die Neuformung des modernen Yoga aus verschiedenen Einflüssen in Indien entstanden ist und von dort aus in die ganze Welt fand.
Von der Askese zur Gesellschaftsfähigkeit

Sri Yogendra (1897-1989), sowie Sri Kuvalyananda (1883-1966) haben als erstes große Pionierleistungen zur Verbreitung des modernen Yoga vollbracht und auch eigene Institute gegründet. Beide mit dem Schwerpunkt der Erforschung und Anwendung der Heilwirkungen von Yoga-Asana und Pranayama. Damit war die Yogatherapie geboren.
Beide waren interessanterweise unabhängig voneinander Schüler von Paramhansa Sri Madhavdasji Maharaj (1798–1921). Er wurde 123 Jahre alt (!) und leitete einen Ashram in Malsar in Gujarat. Obwohl er einerseits sehr traditionell ausgerichtet war, wird berichtet, dass er zugleich sehr modern und aufgeschlossen war. Er organisierte beispielsweise 1909 einen gesamt indischen Sadhu-Kongress, zur Erneuerung des Eremitenordens. Zudem reiste er viele Jahrzehnte durch ganz Indien, um den Yoga zu erlernen und auch zu verbreiten. Die „spirituelle Erhebung der Massen“ war sein Ziel
Sri Yogendra

Sri Yogendra hatte sich viele Jahre mit Ringen, dem „Wrestling“, verschiedenen Kampfkünsten und Gymnastikarten beschäftigt bevor er die Hatha-Yoga-Übungen kennenlernte.
Er traf seinen spirituellen Lehrer im Jahr 1916 in Bombay als Student mit 19 Jahren. Sein Lehrer Paramhansa Sri Madhavdasji Maharaj war zu diesem Zeitpunkt 118 Jahre alt (!) Er hielt sich 2 Jahre in seinem Ashram in Malsar auf, wo er die heiligen Schriften und Hatha-Yogaübungen studierte.
1918 eröffnete er sein „The Yoga Institute“ in der Nähe von Bombay.
1919 ging er für 4 Jahre nach New York, gründete dort 1920 eine Yogaschule und behandelte dort ebenso wie in Indien kranke Menschen mit Yogaübungen.
1922 kam er zurück und widmete sich umfassend der Erforschung des klassischen Yoga. Er suchte Wege diese Erkenntnisse zu einer zeitgemäßen und ganzheitlichen Entwicklung der Persönlichkeit, sowie einer Yogatherapie, die im Alltag anwendbar war, praktisch verfügbar zu machen. Sein Anliegen war es ebenso die Yogaübungen wissenschaftlich zu untermauern und sie in den Dienst von Psychosomatik und Yogatherapie für die breite Bevölkerung zu stellen.
Das Yoga Institute bei Bombay wurde 1948 nach Santa Cruz (ebenfalls bei Bombay ) verlegt das noch bis heute besteht.
Sri Yogendra wurde zu einem der herausragenden Wegbereiter des modernen Yoga.
Eine Darstellung seines Lebens und Wirkens findet sich hier:
Sri Kuvalyananda – Lonavla

Sri Kuvalyananda hatte als Student in Baroda ab 1907 bis 1919 vielseitige Kampfkünste, Gymnastik und auch Yoga studiert. 1917 veröffentlichte er sein erstes Yogabuch.
Erst danach traf er Paramhansa Sri Madhavdasji Maharaj und lernte bei ihm.
Ab 1920 wurde Yoga zu seinem Haupttätigkeits- und Forschungsgebiet. Da er keinerlei Literatur zu den Heilwirkungen des Yoga fand, begann er selbst Versuche zu starten.
1924 gründete der das bis heute berühmte Kaivalyadhama Institut in Lonavla. Dort erforschte er die physiologischen Wirkungen der Yogaübungen, zunächst bei Pranayama, dann immer mehr an den Körperübungen selbst. Er gab das Journal Yoga Mimamsa heraus und war alles in einer Person: unermüdlicher Forscher, Lehrer, Herausgeber, er betrieb die Öffentlichkeitsarbeit und traf bekannte Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi und Jawaharlal Nehru. Dann begann eine neue Epoche in welcher Studenten von aller Welt aus verschiedenen Universitäten zu ihm kamen, da er darauf bestand dass die Forschungen in Indien und nicht in anderen Kontinenten stattfinden sollten.
Durch seine unermüdliche Arbeit förderte er nicht nur die breite Praxis von Yogaübungen in der Bevölkerung, sondern erreichte, dass seitdem Yogaübungen als Therapie aufgefasst wurden. Er wurde international bekannt.
Tirumalai Krishnamacharya

Im Westen wird Tirumalai Krishnamacharya (1888-1989) als der wesentliche Pionier in Indien, als der Vater des modernen Yoga beschrieben. Doch kam er zeitlich gesehen etwas später.
Er wurde vom Maharadscha von Mysore, der ein landesweites Zentrum der indischen Leibesertüchtigung betrieb, erst 1931 mit der Aufgabe des Yogaunterrichts an seinem Palast betraut. 1933 eröffnete er im Palast seine Yoga Shala. Er sollte die Yogaasana als ein in Indien verwurzeltes System betonen und somit den Nationalstolz der Inder fördern und diese in die modernen etablierten Körper- Ertüchtigungs- Systeme integrieren. Er hospitierte dazu beispielsweise bei Sri Kuvalyananda in seinem Forschungszentrum in Lonavla.
Seine Bekanntheit in Indien und im Westen beziehen sich auf unterschiedliche Eigenschaften, denn in Indien ist er als weiser Gelehrter der Schriften und großer Heiler bekannt. Im Westen dagegen als der Pionier oder Vater des modernen Yoga. Zwei weltweit verbreitete Yogastile Ashtanga-Yoga von Pattabhi Jois und Iyengar-Yoga sind aus seinem Wirken hervor gegangen. Seine Schülerin Indra Devi ist in USA mit Viniyoga berühmt geworden.
Doch haben Sri Kuvalyananda und Sri Yogendra schon 10 – 12 Jahre früher begonnen einen großen Beitrag zur Verbreitung der Yogaübungen in Indien zu leisten.
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Bildquellen
- 960px-Fakir_on_bed_of_nails_Benares_India_1907: Herbert Ponting, Gemeinfreiheit, via Wikimedia Commons | Public Domain Mark 1.0
- Paramahamsa_Madhavdasji: Wikimedia Commons | Public Domain Mark 1.0
- Shri_Yogendra_with_Dr._Surendranath_Dasgupta_in_1924: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Shri_Yogendra_with_Dr._Surendranath_Dasgupta_in_1924.jpg | Public Domain Mark 1.0
- scientific-kuvalaya: Bildrechte beim Autor | All Rights Reserved
- krishnamacharya_side_angle: Bildrechte beim Autor | Public Domain Mark 1.0
