Die Präsenz (1) im Sinne von bewusst wahrgenommener Gegenwärtigkeit ist für viele Menschen ein erstrebenswerter Bewusstseinszustand, da er in der Regel zu Ruhe, Innerlichkeit und Zufriedenheit führt. Es gibt sehr viele Ansätze und Möglichkeiten wie Präsenz entwickelt werden kann und sie wird auch unterschiedlich verstanden.
Denkt man an Präsenz im Sinne von Gegenwärtigsein mit Innerlichkeit und Ruhe, insbesondere ohne emotionales oder gedankliches Getrieben-Sein, so denkt man im Allgemeinen an Schweige-Retreats, Zen-Meditation oder Vipassana, die Einsichtsmeditation oder an Jon Kabat-Zinn, der das bekannte Präsenz-Training der Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion gesellschaftsfähig gemacht hat.
Verschiedene Ansätze in der Asanapraxis
Wie kann das Erleben der Gegenwärtigkeit in der Praxis mit Yogaübungen, in einer āsana entwickelt werden? Wie nimmt das Bewusstsein Anteil an der Bewegung? Sicherlich gibt es auch hier verschiedene Ansätze.
Der Bodyscan, das innere Abtasten des Körpers ist eine bekannte Methode im Entspannungsbereich, die auch in den Körperübungen des Yoga vielseitig angewendet wird. (2) Das Nachspüren in und nach der Ausführung einer Übung sind verbreitete Methoden, um zu Ruhe und Integrität mit dem Körper zu gelangen. Dieses Hinein-Spüren kann auch als ein Abtauchen des Bewusstseins in den Körper und somit in eine eigene gefühlshaft-subjektive Welt bezeichnet werden, die als sehr angenehm empfunden werden kann.
Eine zweite diametral gegenüber liegende Möglichkeit, ist aus der eigenen subjektiven Innenwelt heraus in eine objektive Wahrnehmung zu gelangen. Objektivität in dem Sinne, dass die Wahrnehmung zum Körper nicht eine subjektive Realität darstellt, sondern indem der Körper zum Objekt, zum Gegenüber erhoben wird. Das Bewusstsein stellt sich dem Körper hier gegenüber und bleibt bewusst distanziert.
Die Steigerung der Präsenz im Neuen Yogawillen
Welche praktischen Schritte sind zur Steigerung der Präsenz in einer Yogaübung nötig? Heinz Grill nennt dazu verschiedene Phasen, die während der Praxis im Bewusstsein absolviert werden (3):
Die fünf praktischen Schritte zur Präsenz sind:
1. Ruhig werden
2. Loslassen
3. Aktiv in-Beziehung-bringen: Ist-Zustand wahrnehmen
4. Idealzustand bildhaft und mit den Schritten dorthin konkret vorstellen
5. Umsetzung in die Bewegung
Man geht zunächst unkompliziert in eine āsana hinein, beispielsweise in den Halbmond. Man wird ruhig 1.) und lässt den Körper etwas los 2.). In dieser Haltung wird das Bewusstsein etwas freier, etwas wacher und kann die körperlichen Verhältnisse überschauen, den Ist-Zustand realisieren 3.). Aus dieser Beobachtung heraus werden die nächsten Möglichkeiten und Schritte für die Weiterentwicklung der Bewegung vorgestellt 4.) und der Körper wird entsprechend dieser neuen Vorstellung weiter in die Bewegung hineingeführt 5.). Der Körper folgt dem Bewusstsein.
Die Ruhe ist der Ausgangspunkt, denn in der Ruhe kann der Körper überschaut und losgelassen werden. Das Loslassen kann fast unmerklich sein, jedoch wird ein außenstehender Beobachter bemerken, dass der Körper weniger dominant, weniger aufdringlich erscheint. Er weicht etwas zurück. Der Beobachter wird auch die wache Bewusstseinsaktivität realisieren können. In dieser Phase kann die Präsenz des Bewusstseins beim Übenden sehr gut wahrgenommen werden. Man kann geradezu beobachten wie das Bewusstsein aktiv in seiner Denkleistung und Beobachtungstätigkeit tätig ist und sich ebenso aktiv zum Körper in Beziehung bringt.
Für die neue Form benötigt es etwas Erfahrung und Auseinandersetzung mit dem Sinn und Inhalt der āsana. Man muss wissen wo man anspannt, wo man am besten entspannt und wie man den Körper weiter hineinführt. Dazu macht es Sinn, wenn derjenige, der die gesteigerte Präsenz entwickeln möchte, sich mit den praktischen und seelisch-geistigen Inhalten einer āsana auseinandersetzt.
Beim Halbmond bemerkt er einerseits eine Bewegungsrichtung hinunter zum Boden der Erde und andererseits ein Hinausgleiten mit dem Oberkörper in den kosmischen Raum. Diese beiden Bewegungsrichtungen fördern sich gegenseitig. Je mehr das Einsinken gelingt, desto leichter bewegt sich der Oberkörper hinaus und umgekehrt.
Die ersten drei Schritte sind allgemein bekannt und werden in vielen verschiedenen Yogastilen so praktiziert. Ab dem vierten Punkt steigert sich die Anforderung an das Bewusstsein erheblich, was als Steigerung der Präsenz bezeichnet werden kann.
Die 5 Phasen können nun mehrmals nacheinander wiederholt werden. Es ist erstaunlich wie sich der Körper mit seinen Widerständen selbst überwinden und die Bewegung in der āsana immer weiter entwickelt werden kann.
Das Grenzüberschreiten liegt in der Bewegung vom subjektiven zum objektiven Erleben. Dies wird von einem Bewusstsein geführt, das sich frei und wach zum Körper in Beziehung bringt und schließlich wird der Körper aus dem Bewusstsein heraus in die neue Form geführt.
Präsenz wird hier im Sinne einer objektiven, freien, wachen und ruhigen Wahrnehmung des Gegenübers verstanden. Das Gegenüber ist in diesem Falle der eigene Körper selbst.
by Angelika

(1) Präsenz: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, Abgerufen am am 9. Februar 2026.
(2) Bodyscan: Buddhastiftung, Abgerufen am am 9. Februar 2026.
(3) Zitat von Heinz Grill, Studientage an der Freien spirituellen Hochschule Lundo, September 2025. Siehe auch: Das 5. Chakra entwickelt sich durch eine klare und geführte Bewusstseinsaktivität Abgerufen am am 9. Februar 2026.
Weiterführende Links:
Eine ausführliche Beschreibung der Führung des Körpers aus dem Bewusstsein findet sich im Artikel: Logik und Gesetze der Gesundheit XIX – Die Aktivierung der Zellatmung und Zelldurchlichtung vom 13. März 2025. Abgerufen am 9. Februar 2026.
Aurora Wiki: Präsenz. Abgerufen am 9. Februar 2026.
Bildquellen
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