Was ist eine „eigene“ Dynamik und warum muss sie überhaupt erwähnt werden?
In der Regel wird die Wirbelsäule muskulär gekräftigt und damit stabilisiert. Sie ist des Weiteren in verschiedenen Bewegungsrichtungen beweglich: nach vorne, nach hinten und seitlich. Dies geschieht unter der Haltekraft der Muskulatur oder auch passiv über verschiedene Hilfsmittel wie Klötze, Bolster, Kissen, Decken usw.
Die „Eigendynamik“- eine Dynamik aus sich selbst heraus – beginnt ungefähr in der Mitte der Wirbelsäule, auf der Höhe der Rippenbögen oder des Sonnengeflechtes, des maṇipūra-cakra. Hier werden Kräfte frei gesetzt, welche die Wirbelsäule strecken, also länger werden lassen.
Diese Streckung geschieht in beide Längs-Richtungen, nach oben hin zur Brust- und schließlich weiter zur Halswirbelsäule, sowie nach unten in Richtung Lende und Kreuzbein. Die Eigendynamik entfacht eine regelrechtes Feuer der Ausdehnung und des Längswerdens der Wirbelsäule.
Die Praxis und die Rolle des freien Atems
Die Aufmerksamkeit wird auf die Höhe des Sonnengeflechtes gerichtet und gleichzeitig werden die Schultern entspannt. Fixierte oder gar verkrampfte Schultern blockieren diese vitale Streckung aus dem Sonnengeflecht. Somit verdient das Verhältnis Sonnengeflecht und entspannte Schultern eine besondere Aufmerksamkeit. (maṇipūra-cakra / viśuddha-cakra)
Die Entfaltung der ausgleitenden Spannkraft bedarf darüber hinaus einen frei fließenden Atem, bei dem der Atemrhythmus ganz sich selbst überlassen bleibt. Das bedeutet, dass der Atem nicht zur Vitalisierung genützt wird, beispielsweise gezielt ein- und ausgeatmet und sie mit der Bewegung verbunden wird. Er bleibt einfach frei.
Eine Vorübung zur Wahrnehmung der freien Atmung
Du bewegst deine Arme im Raum und spürst den Luftzug auf der Haut. Du erlebst die Luft, die den Raum erfüllt schließlich als zarte Berührung an der Peripherie der Haut. In diesem Luftraum bewegen und atmen wir. Er ist nicht mehr unbeachtet, er wird nun zu einem wesentlichen Teil unserer körperlichen Bewegung.
Weiterhin kannst du beobachten, wie der Atem ohne dein Zutun kommt und geht, die Lunge sich öffnet, der Atem einströmt und wieder harmonisch nach Außen abgegeben wird. Mit der Zeit erlebst du dich eingebunden in rhythmische Atemwellen, welche von außen an dich heran kommen.
Mit diesen Vorbereitungen begibst du dich beispielsweise in die Waage, ins Kamel, den Bogen oder den Pflug – alles Übungen, die eine spannkräftige Wirbelsäule erfordern. Du stellst dir das maṇipūra-cakra vor, entspannst die Schultern, hebst die Rippenbögen etwas an und nimmst den frei kommenden und gehenden Atem wahr.
Schon in ersten Ansätzen wird sich die Wirbelsäule aus dieser Mitte in beide Richtungen strecken. Du gehst in die Position, wirst ruhig und beobachtest wiederholt diese Verhältnisse. Sind die Bedingungen gut, so fällt es sehr leicht den Körper nochmals zu ergreifen und die Wirbelsäule auszudehnen. Dies kannst du mehrmals wiederholen.
In folgendem Video wird das „Länger-Werden der Wirbelsäule“ sehr anschaulich sichtbar:
Die „Eigendynamik“ der Wirbelsäule bewirkt, dass diese in den verschiedenen Bewegungsrichtungen kräftig, elastisch und beweglich wird. Sie schützt die Bandscheiben vor Stauchungen und entlastet damit auch Rückenbeschwerden, beispielsweise im Lendenbereich. Da der ganze Körper quasi wie etwas aus der Schwerkraft enthoben wird, er hoch strebt und länger wird, werden auch die Hüft-, Knie- und Fuß- Gelenke entlastet.
by Angelika
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